10 Jahre Storyolympiade!

10 Jahre Story-Olympiade

10 Jahre Story-Olympiade

Zwischen Donnerwetter und Dichterlorbeer
Zehn Jahre Story-Olympiade

„Adept der Schreibkunst, wir rufen dich zur Story-Olympiade 2000!“, so schallte es vor zehn Jahren vom Olymp. Das heißt: So stand es auf der heute längst verschollenen Internet-Seite http://buerger.metropolis.de/story-olympiade. Es war Sommer 1999, alle Welt war angesteckt vom „Millenniumsfieber“, und die „Jahrtausendwechsel“-Stimmung hatte auch den „Webring SF und Fantasy“ erfasst. „Es war auf dem DortCon“, erinnert sich Mitbegründer Ernst Wurdack an das erste Gespräch über eine „Story-Olympiade 2000“. Einen Wettbewerb für Nachwuchs-Autoren, dessen Sieger jedoch noch im alten Jahr ermittelt werden sollte. (1) Inzwischen kann der Wettbewerb auf eine zehnjährige Geschichte zurückblicken. Zeit für eine erste Bilanz.

„Die Story-Olympiade war aus damaliger Sicht etwas Einmaliges“, sagt Stefanie Pappon, die den Wettstreit mit aus der Taufe gehoben hat. „So etwas gab es vorher in Deutschland nicht. Nach dem dritten Wettbewerb kamen die Nachfolger, und inzwischen gibt es ja Ausschreibungen wie Sand am Meer …“

Zum ersten Schreib-Agon, der einen roten, blitzförmigen Bleistift im Lorbeerkranz (einen Entwurf Stefanie Pappons) als Logo führte, gingen 42 Texte von insgesamt 31 Autoren ein. Das Thema „Tanz der Schatten“ hatte Verfasser fast aller phantastischen Genres inspiriert: Science Fiction und Fantasy, Märchen, aber auch Horror, Pornografie und eine zarte Liebesgeschichte. Eine extremsadistische Sexstory lag den Organisatoren schwer im Magen. „Wir haben lange überlegt, ob man sie überhaupt veröffentlichen darf, ob es nicht sogar strafbar wäre“, erzählt Stefanie Pappon. Seitdem steht in jeder Ausschreibung, dass pornografische und gewaltverherrlichende Texte unerwünscht sind.

Eine Jury gab es noch nicht. Jeder Teilnehmer bekam zehn Geschichten anderer Autoren zugeteilt, um Punkte für Idee, Story, Sprache und Stil zu vergeben, aber auch dafür, ob Thema und Genre stimmten. Den Sieg errang Olaf Mews mit „Die Sonnenfleckenlottorie“. Die 42 Geschichten wurden in der Reihenfolge ihrer Platzierung im Netz veröffentlicht. Zusätzlich gab es Kurzporträts der zehn besten Autoren in den von Ernst Wurdack betreuten „Webring-News“.

Nur wenige Monate später, das Jahr 2000 hatte begonnen, rief das Team einen zweiten Wettstreit, ebenfalls unter dem Titel „Story-Olympiade 2000“, aus. Diesmal sollte es ein Buch mit den Siegergeschichten geben. „Das war so eine spontane Idee von mir“, sagt Ernst Wurdack, der den Druck vorfinanzierte.

Eine weitere Neuerung: Ab jetzt bewertete eine Jury unter Leitung von Stefanie Pappon die Texte. Mitglieder waren Wilfried Bienek, Guido Krain, Lydia Kupi, Klaus von der Landwehr, Judith Tepesch, Martin Witzgall und „12 Jurorinnen und Juroren, die ungenannt bleiben wollen“ (2), wie es im Buch hieß. Außerdem gab es als Leitfaden für Jury und Teilnehmer den Aufsatz „Wann ist eine Story eine Story?“ von der Juryleiterin. Beim ersten Mal waren viele Beiträge eingegangen, die alles andere als eine Kurzgeschichte waren. Im Aufsatz hieß es: „Die Story muss Anfang. Mittelteil und Schluß besitzen. Die Geschichte handelt von einer Figur, die mit einem Problem zu kämpfen hat.“ (3) Und auch das musste offenbar gesagt werden: „Eine Story ist SF/Fantasy/Mystery, wenn das zentrale Problem, mit dem die Hauptfigur zu kämpfen hat, eine SF/Fantasy/Mystery-Idee ist oder wenn das zentrale Problem durch eine SF/Fantasy/Mystery-Lösung seine Auflösung findet. Das bedeutet: Wenn man die SF/Fantasy/Mystery-Elemente aus der Story entfernt, ist eine Lösung unmöglich und damit das ganze Storygefüge unbrauchbar. Wenn es ein Western ist, ist es keine SF/Fantasy/Mystery!“

„Traumpfade“, das Thema der zweiten „Story-Olympiade 2000“, inspirierte 41 Autoren, die je eine Geschichte einsandten. Olympisches Gold erhielt Bernd Schneider mit der SF-Story „Die Wahrheit ist irgendwo“. Das Buch mit den 20 besten Texten erschien im März 2001 in einer Auflage von 250 Stück, im April gab es eine Zweitauflage mit 100 Exemplaren. Auf Seite 2 fand sich bereits der Aufruf zur „Story-Olympiade 2001“ mit dem Thema „Geschöpfe der Dunkelheit“.

Mit 156 Teilnehmern erreichte der dritte Wettstreit seinen ersten olympischen Rekord. Den Sieg erkannte die Jury Sabine Meyer zu, die in „Groome sind ausgestorben“ über das Verhältnis von Groomen, Witniks und Zilpen zu einander aufklärte, eine lustige Geschichte über putzige Völker mit unterirdischer Lebensweise. Trotz des düsteren Themas hatten auffallend viele humorvolle Texte die Juroren überzeugt.

Allerdings brauten sich, kurz bevor das Buch in Druck ging, dunkle Wolken über dem Olymp zusammen. Das Donnerwetter brach los, als einer der Autoren in einem Newsletter schrieb: „Wer sich für dieses Buch interessiert, kann es entweder bei Ernst Wurdack oder Stefanie Pappon direkt bestellen, oder schamlos ausnutzen, daß ich als Autor einen Sonderpreis bekomme.“ Finanzier Ernst Wurdack sah rot. Er war so wütend, dass er das gesamte Projekt hinschmiss. „Dies ist der Todesstoß für die Anthologie und damit auch für die Storyolympiade“, polterte er in einer Rundmail an die Autoren. „Warum? Weil wir darauf angewiesen sind, eine Menge Exemplare zum Normalpreis zu verkaufen, um die Kosten für Rezensionsexemplare, für Verluste auf dem Postweg, für unsere Telefonate und für unseren Schriftverkehr zu decken. Dies ist durch die obige Meldung und deren rasche Verbreitung im Netz nun nicht mehr gewährleistet. Ich kann nicht als einzelne Privatperson mit ein paar tausend Mark in Vorleistung gehen, wenn ich absolut sicher bin, daß diese Kosten niemals wieder eingespielt werden.“ Inzwischen sei eine Stornierungswelle über ihn hereingebrochen, Bestellungen habe es seitdem nicht mehr gegeben. Nach diesem Gewitter verschwand Ernst Wurdack vom Olymp und tauchte unter. Für das Buch sah niemand eine Chance mehr.

Erst nach Monaten, als er seine Mailbox öffnete und die vielen Mails von Autoren und Fans der Storyolympiade las, ließ er sich bewegen, das Buch trotzdem herauszubringen. Die „Geschöpfe der Dunkelheit“ erschienen in einer 500er Auflage und als erster Storyolympiaden-Band mit einer ISSN. Inzwischen wird das längst vergriffene Buch in Antiquariaten zum Preis von rund 25 Euro gehandelt, wie Stefanie Pappon kürzlich entdeckte. Die Juryleiterin und Mitherausgeberin verließ nach diesem Wettbewerb das Team. Für ihr Ausscheiden gab sie berufliche Gründe an.

Ernst Wurdack hatte inzwischen größere Pläne. Noch vor dem Buch zur „Storyolympiade 2002“ (mit dem Ausscheiden Stefanie Pappons verschwand auch der Bindestrich im Wettbewerbsnamen) erschien die Anthologie „Düstere Visionen“ als Start der Reihe „Storyolympiade Spezial“ Allerdings auch dies nicht ohne Anlaufschwierigkeiten: Das Elbe-Hochwasser überschwemmte die Dresdener Druckerei, die das Buch herstellte, und so verzögerte sich die Auslieferung.

Die Spezial-Bände überflügelten die jährlichen Wettbewerbsanthologien schnell. Es entstanden die Reihen Pandaimonion (dunkle Phantastik, acht Bände), Märchen (sieben Bände) und Science Fiction (14 Bände).

Zur vierten Olympiade mit dem Motto „Hexen, Magier, Scharlatane“ traten 209 Autoren aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Italien, Liechtenstein, England und Russland an. Diesmal gab es außer der Ehre und der Anthologie einen weiteren Preis. „Es gab Arbeit zu gewinnen“, fasste Siegerin Heidrun Jänchen augenzwinkernd zusammen. Die besten Autoren durften einen Roman für die Spezial-Reihe schreiben. So entstand „Der eiserne Thron“ von Heidrun Jänchen, Christian Savoy und Andrea Tillmanns. Er spielt in der Welt „Pagan“ des Rollenspiels „Demonwright“, dessen Erfinder André Schönherr der Storyolympiade sein Universum zur Verfügung stellte. Allerdings unter der Auflage, dass von jedem Roman höchstens 300 Exemplare gedruckt wurden, um die Welt nicht zu kommerzialisieren.

Die Demonwright-Episode war nur kurz. Außer dem „Thron“ entstanden nur der Gemeinschaftsroman „Schatten über Byzantium“ von Ines Bauer, Sabina Luger und Judith Ott sowie „Das vergessene Portal“ von Armin Rößler. Ferner gab es eine Anthologie, „Der Griff nach der Macht“, die wegen ihres Covers – einer leichtbekleideten Leder-Amazone mit prallen Pobacken – bei den Autoren den Spitznamen „Der Griff nach dem Arsch“ erhielt. Das umstrittene Titelbild sprach der Binsenweisheit „Sex sells“ Hohn, seither blieben die Cover Ernst Wurdacks züchtig.

Warum die Demonwright-Serie scheiterte? „Weil die Welt nicht weiterentwickelt wurde, weil kaum einer der angesprochenen Autoren innerhalb des vorgegebenen Rahmens schreiben wollte. Weil sich die Rollenspieler nicht wirklich für Romane interessieren. Es war ein Flop“, so das Fazit Ernst Wurdacks.

Für „Strahlende Helden?!“, die Ausschreibung des Jahres 2003, gab es Beiträge von 220 Autoren. Siegfried Dierker belegte den ersten Platz mit der Geschichte „Rota“. Das Buch, das anlässlich des fünfjährigen Bestehens besonders dick war, enthielt 42 Geschichten. Im selben Jahr verschwand der Titel „Größter verlagsunabhängiger Wettbewerb für deutschsprachige Phantastik“, unter dem der Wettstreit seit 2000 gelaufen war, von der Homepage der Storyolympiade. Ernst Wurdack hatte einen Verlag gegründet. „Es lebt“, die Anthologie des Jahres 2004, hatte als erster Olympiadenband einen „eigenen“ Verlag und eine ISBN und vereinigte die 36 besten von 337 Beiträgen in sich, darunter die Siegerstory „Schlummernde Schrecken“ von Dirk Wonhöfer.
Da die Arbeit immer mehr zunahm, beschlossen Verleger und Jury, auf einen Zwei-Jahres-Rhythmus umzustellen. So wurde der nächste Wettkampf erst 2006 ausgetragen. Niels Arne Münch bekam von der Jury für „Der Gesang der Trolle“ den Sieg zugesprochen. Mit 341 Einsendungen lag die Anzahl der Beiträge nur geringfügig über dem vorigen Wettbewerb. Eine Zahl, die danach nicht mehr gesteigert wurde.

Der Wettbewerb 2008 brachte für alle Beteiligten eine herbe Enttäuschung. „Diesmal suchen wir etwas anderes“, hatte es euphorisch geheißen. Es sollte nicht um Kurzgeschichten, sondern um Romanmanuskripte gehen. Tatsächlich sandten 51 Autoren ihre Werke ein. Doch schließlich veröffentlichte die Jury die lapidare Information, kein Manuskript habe überzeugen können, es gebe dieses Jahr keinen Sieger. Eine Meldung, die bei vielen Autoren auf Unverständnis, bei manchen auf Wut stieß. Vorwürfe der Arroganz wurden laut. Es könne doch nicht stimmen, dass unter 51 Texten kein einziger druckbar sei.

Im selben Jahr gab Ernst Wurdack sein Ausscheiden als Organisator bekannt. Nach zehn Jahren müsse für ihn Schluss sein. Die Autorengruppe „Geschichtenweber“, der er das Erbe anbot, erklärte sich bereit, den Wettbewerb zu übernehmen. Viele Mitglieder waren bereits als Wettbewerbsteilnehmer und in Wurdack-Anthologien aktiv. Martin Witzgall, der für die neue Homepage in die Bresche sprang, ist seit 2000 als Jurymitglied mit dabei. Für Organisation und Verwaltung sind Felix Woitkowski und Janko Kockott verantwortlich. Es gibt erneut eine Vor- und eine Hauptjury. Das neue Thema lautet: „Rache!“ Bis zum 31. Oktober 2009 können phantastische Kurzgeschichten eingereicht werden (Ausschreibung unter http://www.storyolympiade.de).

War die Storyolympiade tatsächlich ein Sprungbrett für den Autorennachwuchs? Und was ist aus den Olympioniken geworden? Einige Beispiele: Heidrun Jänchen veröffentlichte inzwischen zwei weitere Romane. Armin Rößler wird demnächst den vierten Teil seiner Argona-Serie herausbringen. Andrea Tillmanns hat bereits sechs Bücher veröffentlicht. Von Birgit Erwin erscheint dieses Jahr ein dritter Roman. Petra Hartmann schreibt derzeit am dritten Band ihrer Movenna-Serie. Bernhard Schneider hat den Roman „Das Ardennen-Artefakt“ herausgebracht. Susanne Rauchhaus veröffentlichte bei Ueberreuter „Der Hexenspiegel“.
Ein Fazit einer Autorin: „Es war die berühmte Initialzündung“, schrieb Heidrun Jänchen in einer Umfrage der Storyolympiade. „Da war jemand, der mir zutraute, ein Buch zu schreiben. Plötzlich hatte es einen Sinn, an den Texten so lange zu schleifen, bis sie stimmten, statt sie einfach abzuheften.“

(1) Die Verfasserin ist sich der Tatsachen bewusst, dass 1. das neue Jahrtausend erst mit Ende des Jahres 2000 begann, 2. der Begriff „Olympiade“ korrekterweise die Bezeichnung für den vierjährigen Zeitraum zwischen den „Olympischen Spielen“ ist und 3. diese erste „Story-Olympiade 2000“ eigentlich „Story-Olympiade 1999“ hätte heißen sollen. Das hat dem Wettbewerb jedoch nicht geschadet.

(2) Stefanie Pappon und Ernst Wurdack (Hrsg.): Traumpfade. Story-Olympiade 2000. (Hergestellt im Sächsischen Druckzentrum, Dresden, 2001). S. 3.

(3) Zitate aus einer von Stefanie Pappon zur Verfügung gestellten Datei.

Die Rechte für diesen Artikel liegen bei Petra Hartmann erstveröffentlicht im Magazin
„phantastisch! Nr. 35“ ISSN 1616-8437

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